Donnerstag, 4. Januar 2007

Claude Jade

Nachruf Claude Jade

Man verlässt nur, was man aufhört zu lieben


Zum Tode der Schauspielerin Claude Jade (1948 – 2006)

Ende 2006 trauert die Filmwelt: um Robert Altman, um Philippe Noiret und seit dem 1. Dezember um Claude Jade. Es scheint, Gott bereite ein Casting im Himmel vor. Ihr Lächeln ist so verzaubernd, ihre Anmut so rein, dass niemand glauben will, ihr könne ein Leid zustoßen. 1968 beginnt Claude Jade - noch keine zwanzig - die Filmwelt zu erleuchten. Ihr erster Auftritt in François Truffauts "Baisers volés" (Geraubte Küsse) ist eine unsterbliche Erscheinung: Aus dem Dunkel der Nacht taucht sie auf, so unerwartet wie die Sonne anstelle des Mondes, kommt auf uns zu als schwebe sie, um für uns innezuhalten, hinter einer Glastür Antoine Doinel zuwinkend. Sie klopft an die Scheibe, hilflos andeutend, dass sie die Tür nicht öffnen kann, irritiert und schließlich lächelnd. Es scheint, als könne Claude Jade vielleicht doch die Leinwand verlassen und zu uns hinabsteigen wie es Jeff Daniels in Woody Allens "Purple Rose of Cairo" tat.

Und noch heute ist es diese unfassbare Magie, wenn der unstete Antoine Doinel alias Jean-Pierre Léaud im Angesicht seines Spiegelbildes fiebrig prononciert: "Christine Darbon, Christine Darbon, Christine Darbon ". Jene Christine Darbon, als die Claude Jade uns allen zeigt, wie man einen Zwieback bestreicht ohne ihn zu zerbrechen: "Ich bringe dir alles bei, was ich kann, wie zum Beispiel diesen Zwiebacktrick und du bringst mir alles bei, was du kannst." Claude Jade ist nicht nur die beständige Liebe, die Verlobte, die zuerst betrogene und dann zurückgekehrte Ehefrau und die beständige Ex-Frau von Antoine Doinel, die ihre graziöse Zurückhaltung aus den "Geraubten Küssen" zwei Jahre später in "Domicile conjugal" (Tisch und Bett) rekapituliert: "Jetzt stellen Sie sich mal 'ne zwanzigjährige Jungfrau vor. Ich war ein wandelnder Anachronismus." So versucht sie auch immer wieder, dem Etikett der Christine zu entfliehen - durchaus oft gelingt ihr das, doch für die meisten blieb sie ewig "la petite fiancée du cinéma français". Selbst der cinephile Daniel Cohn-Bendit kontaktiert sie 1986, um Truffauts Helden wieder zu vereinen. In jenem Jahr spielt sie fürs Kino die ambivalente Alice in René Ferets "L' homme qui n'était pas là", jenseits dem Klischee des reinen Mädchens, gegen dass sie so lange aufbegehrte - die Schauspielerin, die 1970, jenem Jahr in dem sie als beliebteste Schauspielerin Frankreichs ausgezeichnet wurde, sagte: "Reden Sie mir nicht von Stars, von Namen in Großbuchstaben an den Kinofassaden. Das Wort Schauspielerin ist edler als das Wort Star. Finden Sie nicht? "

Die Gaben der Feen

Ihre Diskretion, ihre Zurückhaltung, ihre nie kokettierende und umso reiner strahlende Schönheit, das sind die Gaben der Feen, wie diese Blicke der Verwunderung über das Leben und die Liebe. Die am 8. Oktober 1948 geborene Claude Marcelle Jorré entstammt einer protestantischen, musischen Familie aus Dijon, die Albert Schweitzer zu ihren Gästen zählte. Ihre Eltern, Universitätsprofessoren, fördern den Traum ihrer Tochter. Mit 15 nimmt sie bereits Kurse am Conservatoire d'Art Dramatique und tritt 1964 als Molières Agnès an der Comédie de Bourgogne auf. Zwei Jahre später erhält sie den Prix de Comédie und geht nach Paris, wo sie gemeinsam mit Gérard Depardieu Schülerin Jean-Laurent Cochets wird. Cochet empfiehlt sie Sacha Pitoëff, bei dem sie am Théatre Moderne die Frida in Pirandellos "Heinrich IV" spielt. Sie verkörpert bereits in der Fernsehserie "Les oiseaux rares" eine Hauptrolle als seltener Vogel Sylvie, hat ihren Namen in Jade geändert und erträumt sich eine schöne Theaterkarriere. Dann kommt François Truffaut in die Generalprobe, ist "absolut hingerissen von ihrer Schönheit, ihrem Wesen, ihrer Freundlichkeit und ihrer Lebensfreude" und gibt ihr kurz darauf die Rolle der Christine Darbon in "Baisers volés". Truffaut und die 17 Jahre jüngere Claude Jade führen im Februar 1968 während der Dreharbeiten die Demonstrationen für Henri Langlois und die Cinématheque Française an, der dreihundert Filmschaffende folgen. Truffaut bittet die Eltern um die Hand ihrer Tochter und nimmt kurz vor der Hochzeit – mitten im Pariser Mai - feige Abstand von seinen Absichten. Die Verletzung wird anhalten, doch die Arbeit und eine tiefe Freundschaft verbindet die beiden weiterhin, mit einer innigen Korrespondenz und mit weiteren Filmen. Mit "Domicile conjugal", entstanden eineinhalb Jahre nach dem privaten Rückzieher Truffauts, in dem sie sich nach Antoines Seitensprung mit einer nie lächelnden Japanerin als blonde Geisha maskiert und ihr eine Träne über die Maquillage rollt - und uns für unser Lachen schämen lässt - ist jener Film, in dem sie so überzeugend erklärt, ein Kunstwerk könne keine Abrechnung sein. Und mit "L'amour en fuite" (Liebe auf der Flucht), in dem sie Doinel und uns allen ihre Freundschaft anbietet.

Hitchcock, Molinaro, Jutkewitsch, Mocky

Alfred Hitchcock holt sie für die Rolle der Agententochter Michèle Picard in "Topas" (Topaz) nach Hollywood. Hitchcock fantasiert der Presse von "Look" vor, Claude Jade sei "eine ruhige junge Dame, doch für ihr Benehmen auf dem Rücksitz eines Taxis würde ich keine Garantie übernehmen". Die Arbeit mit Hitchcock, bei der ihre anfangs so unbeschwerte Journalistenbraut schließlich den "toten" Philippe Noiret in der Rolle eines ermordeten Spions auf dem Dach eines Autos findet, blieb ein schönes Souvenir. Sie verzichtet dennoch auf den exclusiven Sieben-Jahres-Vertrag, um in ihrer Heimat arbeiten zu können. In Frankreich folgen nun zahlreiche schöne Aufgaben. Da ist vor allem die Manette in Édouard Molinaros Historienkomödie "Mon oncle Benjamin" (Mein Onkel Benjamin), die der Regisseur seiner während der Dreharbeiten tödlich verunglückten Frau Pierrette widmet. Claude Jade ist hinreißend als Gastwirtstochter, die Jacques Brels Benjamin nur gegen einen Ehevertrag ihre Blüte geben will und dann auch ohne Kontrakt glücklich mit ihm wird. In einer berührenden Szene liegt sie nach einem Streit in den Armen Brels und flüstert: "Wenn es der Himmel erlaubte, dir ewig so nah zu sein, ich würde auf jede andere Ewigkeit verzichten." In "Le bateau sur l' herbe", dem poetischen Testament der Freundschaft von Gérard Brach und Roman Polanski, bricht sie 1970 erstmals mit dem Image der sanften, reinen Heldin, die hier zwei Freunde entzweit - mit Erfolg. Claude Jade spielt in ihrer rund 80 Kino- und TV-Filme umfassenden Karriere auch in belgischen und italienischen Filmen, in Japan bei Kei Kumai, in der Sowjetunion bei Altmeister Sergej Jutkewitsch die Revolutionärin Inessa Armand ("Lenin in Paris") und beim Regie-Duo Alow und Naumow die Terroristin Françoise ("Teheran 43"); Dank Anarcho-Regisseur Jean-Pierre Mocky bricht Claude Jade 1994 ein weiteres mal mit ihrem Rollentypus in der skurrilen Komödie "Bonsoir": als verklemmte Lesbierin Caroline mit drolliger Freundin und erzprüder Erbtante, der schließlich dank einer List des Clochards Michel Serrault die Erbschaft gerettet wird. Daneben findet sie auf der Flucht vor dem "kleinen Mädchen" aus den "gestohlenen Küssen" viele "schwer zu verteidigende Rollen", wie sie ihre Arbeit im Fernsehen gern bezeichnete: "Schach dem Roboter" ist in Deutschland zum Kult avanciert - so wie in Frankreich "L île aux trente cercueils" ein sechsstündiger Mehrteiler, der auf ihrer Dauerpräsenz beruht und von dem sich das deutsche Publikum - dank Arte - erstmals 1996 als "Die Insel der dreißig Tode" fesseln lassen durfte. Aus den letzten Jahren bleiben uns ihre beeindruckenden Leistungen in den Fernsehkrimis "Le secret (La Crim)" (2004) und "Vrai ou faux (Groupe Flag)" (2005). Als Ehrung ihrer Filmarbeit - parallel zu den vielen Theaterrollen - erhält sie 2000 in West Palm Beach den "New Wave Award" für ihre "Trend setzende Rolle in der Filmwelt" und den "einzigartigen Stil, der Generationen von Schauspielerinnen geprägt hat", zwei Jahre darauf den "Prix Réconnaissance du Cinéma". Nicht zu vergessen 1998 der Titel des "Ritters der Ehrenlegion".


Eine Seltenheit im Milieu der Ellenbogen

Am 5. Dezember 2006 säumen unzählige Bouquets mit letzten Grüßen die Stufen des Pariser Tempels Oratoire du Louvre, in dem etwa 400 Menschen von ihr Abschied nehmen. "Claude Jade ist die Inkarnation der Eleganz, der Einfachheit und des Charmes Frankreichs" übersendendet Frankreichs Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres über seinen Kabinettsdirektor Henri Paul letzte Grüße. "Sie war nie eifersüchtig, nie bitter, sie dachte immer zuerst an die anderen", erinnert sich Jacques Rampal, Autor und Regisseur der letzten Theaterproduktion mit Claude Jade, "Célimène et le cardinal": "Sie war in einem Milieu, in dem man sich mit dem Ellenbogen Bequemlichkeit verschafft, eine seltene Ausnahme". Sohn Pierre und die Nichten Ariane und Gaëlle halten bewegende Reden. Treue Partner geben ihr das letzte Geleit, von Guillaume De Tonquédec, ihr Filmsohn aus ''Tableau d'honneur'' (1992), der ihr acht Jahre später in der TV-Serie "Cap des Pins" (1998-2000) wiederbegegnet, bis zu Patrick Préjean, ihrem Partner aus Rampals Stück. Als der Sarg den Tempel zur Bestattung auf dem Père Lachaise verlässt, begleitet ihn im strömenden Regen ein letzter Applaus von den Passanten an der rue Saint-Honoré. Ein viel zu früher Abschied, erzwungen von einer Ungerechtigkeit: dem Krebs. Claude Jade hatte gerade einen Tumor im Auge entfernen lassen und spielte die aus Molières "Menschenfeind" adaptierte Célimène weiter - mit einer Augenprothese, enormem Talent, voller Schönheit und Lebensfreude. Rampal in seiner Abschiedsrede: "Ihr Leben endete auf der Bühne. Es endete in Schönheit, in einer bemerkenswerten Vorstellung. Es war der 8. August, es war gestern." Claude Jade hatte Pläne: Das Stück sollte 2007 weiter begeistern, ein neuer Fernsehfilm war für den Frühling geplant, der junge Regisseur Julien Donada, in dessen Kurzfilm "A San Rémo" sie 2004 ihre letzte Kinorolle hatte, begann mit ihr die Arbeit zu einer Dokumentation über die Schauspielerin Claude Jade. Der Krebs hat es nicht geschafft, dieses Lächeln zu nehmen, das unsere Sehnsucht berührt und beflügelt. Sie ist nun - viel zu früh - im Pantheon der Unsterblichen des Films, teilt mit Jacques Brel die in "Mon oncle Benjamin" ersehnte Ewigkeit und ist bei François Truffaut, dem sie in einem bewegenden Brief ein Zitat aus Henri de Montherlants "Port Royal" voranstellte: "Je serai fidèle à ce temps des petites filles. Je serai fidèle... Je serai fidèle... " (Ich werde ihnen die Treue halten, den Zeiten der kleinen Mädchen. Ich werde treu bleiben... ich werde treu bleiben...) Und Claude Jade, die nun den Engeln zeigt, wie man einen Zwieback bestreicht ohne ihn zu zerbrechen, wird uns bleiben. In ihrer 2004 erschienen Autobiographie "Baisers envolés" stellt Claude Jade ein weiteres Zitat aus "Port Royal" voran, das wir heute übernehmen: "Je ne vous quitte pas; On ne quitte que ce qu'on cesse d'aimer." - Ich verlasse Sie nicht; Man verlässt nur, was man aufhört zu lieben. Gunnar Solka

Links: Offizielle Seite Claude Jade
Autobiographie Claude Jade "Baisers envolés"
DVD "Célimène et le cardinal" 2006
IMDb Claude Jade, Links zu 85 Filmen

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